Liebe Tante SPD – Gertrud schläft

image

Anlass der Bewirtung: Schulz will Kanzler werden und Maybrit Illner mit Frank Stauss, Mitinhaber Agentur „Butter“

Liebe Tante Gertrud – lieber Onkel Joseph – liebe Tante S P D… I feel so lonely … I want to leave … habt Ihr vielleicht gestern Abend Maybrit Illner gesehen? Euer werter Mann da: Auf die Frage, ob er einer Genossin (sic!), die 20 Jahre euren Laden mitgemacht hat, und nunmehr dummerweise bei der AfD gelandet ist, eine Rückrufaktion gönnen würde, antwortet er brüsk: Niemals.

Ich habe mir Euren Mann da in der Folge noch ein bisschen angeguckt. Und habe mir gedacht. Stimmt. Niemals käme eine Genossin auf die Idee, so einer Partei nochmal beizutreten.

Und jetzt noch das. Ich dachte, Schulz soll Außenminister werden. Jetzt will er auch noch  Kanzler werden, ich bin ratlos!

Mein Resümee für die Donald Trump Wahl Amerikas geht inzwischen in diese Richtung: es liegt nicht an den Inhalten, es liegt nicht an den Populisten, es liegt auch nicht an der gefühlten Armut oder an der Angst vor Armut. Es liegt auch nicht an der Donald-Duck-Sprache. Das alles mischt sich nur unter einen anderen Haufen. Und der heißt Personenkult a la SPD (Auch Hillary Clinton war dem oder Ähnlichem erlegen.)

Der Starkult im Land. Wenn fleißige Bürokraten glauben, sie hätten das Zeug zum Helden, zum Superstar. Dann ist nicht etwa mit den Inhalten etwas falsch, nicht mit den Leitbildern, sondern mit dem Charisma der Bürokraten, die glauben, sie wären zu Höherem berufen. Sie haben kein Charisma. Glauben aber, sie hätten es?

Sie spielen schelmische Spielchen und lachen ironisch. Oh Oh Tante SPD.

Wie soll das wieder werden? Wenn das Weiterso weiterbeklatscht und nicht zur Kenntnis genommen wird, dass die Trumpologen genau diese Lücke gesehen haben, es ausreicht entweder Schauspieler (Reagan) oder Entertainer (Trump) zu sein, so landet Tante S P D bald unter 15 % und die andern teilen sich den Kuchen. Aber unsere fleißigen Klatsch-Klatsch-Tanten wollen es einfach nicht verstehen?

Haben sie nicht vernommen, was der Herr aus Österreich gestern mit auf den Weg geben wollte? Kümmert euch um eure Leute! Hat er gesagt. Jetzt kümmern sich die noch liberaleren um die, die glauben, es sei inzwischen egal, wer sie führt, Hauptsache es passiert niemandem nichts.

Unser Herr da, ein Berater der S P D, hat die gar nicht auf dem Schirm. (das Wort kleiner Mann kann er nicht mehr hören – nicht mehr sehen – stimmt – der wohnt im Wedding und in Britz)  Dieser Mann hier redet von Komplexität – Leute, das will nur auch niemand mehr hören, auch, wenn wir ehrlich sind, kein Mensch mehr wissen (das ist ein sehr  akademischer Diskurs, nicht wahr?): O-Ton: Natürlich sind die (Unmutsbekundungen) in sozialen Zusammenhängen begründet, ABER sie sind auch in vielen anderen Dingen begründet, die ich schon benannt habe. O-Ton. Ich hörte es knistern.

Ja-Aber. Ja-und-Nein in einem. Und Jadoch vielleicht. So gefällt man sich in moderatem Miteinander in diesem Alles-möglich-Alles-erlaubt-nichts-geht-weiter-Hegemon und spricht dabei weder Tacheles noch Nachvollziehbares, so verlässt man seine Leute, und lässt sie urteilen und verurteilen. Das Urteil der Leute ist gnadenlos, wie wir gesehen haben.

Dieser Alles-ist-im-Wandel-Sprech. Natürlich wandelt es sich. Schon immer. Die vier Jahreszeiten. Fette Jahre. Dünne Jahre. IT macht Jobs kaputt. IT schafft Jobs. Aber tue man doch nicht so, als hätte Ottonormalverbraucher das nicht kapiert. Es scheint vielmehr die SPD den Wandel zu verschlafen. (Der geht nicht nur nach vorn?!)

Dieser Wandel heißt plötzlich: Openmind von gestern ist Schottendichtfürheute geworden. Das gehört ebenfalls zusammen und ins Denken mitgeführt.

Holt die Leute dort ab, wo sie sind: mitten im Wandel und nicht dort, wo die SPD stecken zu bleiben droht. In einem von Kanzler Schröder mit Gazprom und Hartz IV und Mecki Messer Riesters Rentenzusammenklappgelaber gebasteltem System, das die eigenen Leute auf die Strafbank setzt. Verkehrte Welt. Schröder schlägt die CDU mit CDU-eigenem Programm. Merkel schlägt zurück und damit die SPD. Ein wirklich sinnreiches Spiel.

Nochmal, Herr Wahlkampfhelfer der SPD:

Erstens. Ich hier bin ein Niemand. Kapierst du das? So fühle ich mich. Ein Niemand. Kein Psychologe kann mich hier noch abholen. Das ist keine Sache für den Arzt. Das ist das Ergebnis einer Politik, die nur sich selbst meint. Aber hör: Ein Niemand erträgt es nicht, wenn einer von euch behauptet, ich sei Teil von Etwas, das es nur unter Euresgleichen gibt, mir also mein Du-Bist-Niemand auch noch zum Vorwurf gemacht wird.

Denn Dein ICH weiß nichts von mir. Verstehst du das überhaupt? Du sagst jetzt, niemand könne von sich sagen, er sei ein Niemand. Der muss doch was missverstanden haben, dieser Niemand. Dann nenn‘ diesen Niemand nicht mehr Niemand, sondern Tante Getrud und Onkel Joseph von nebenan. Es bleibt das gleiche. Tante Gertrud schläft. Und Onkel Joseph guckt nachmittags Fernsehen, und abends schläft auch Onkel Joseph.

Belehrungen, wer er, Joseph, am Abend sei, oder sie, Getrud am Kassiererautomat, ertragen inzwischen weder Onkel Joseph noch Tante Getrud nicht. Denn niemand hat sie gefragt, ob sie zufrieden sind. Die fragen immer nur, wen wählst du nächstes Mal. Nie warum du nicht mehr zur Wahl gehst. Denn die Antwort lautet immer wieder: Nun, die lügen sich was in die Tasche. Siehst du Onkel Joseph, Tante Gertrud. Mit solchen Leuten wie euch will niemand reden! Ihr antwortet immer nur in Stereotypen. Tante Gertrud, Onkel Joseph, nun werdet doch mal wach. Nein, Tante Getrud ist noch Einkaufen, und Onkel Joseph spült das Geschirr. Da muss ich es eben sagen: Hey, Leute da, ihr ausgebildeten Propheten. Könnt Ihr beim Nächsten Mal bitte auch an Joseph und Gertrud denken, wenn Ihr über euch selbst nachdenkt?

Die Mär vom Weißen Mann. Die Mär von der Emanze. Im T-Shirt und im Nachtlokal. Da haben sie schon wieder einen Begriff für dich. Du seist ein Spinner aus dem Internet. Hey Gertrud, hey Joseph. Könnt ihr denen mal verraten, dass wir hier, wir drei, real und echt sind, jeder für sich. Ganz echt. Der eine wohnt unterm Dach, der andere in Transnistrien – zumindest in seinem Kopf – wenn er Fernsehen guckt, in Wirklichkeit im zweiten Stock. Habt Ihr das?

Dann eben nicht. Hier nun Zweitens: Wir leben in einem Land, in dem jeder auf den Fehler des anderen wartet. Deswegen haben WIR uns für Fehlervermeidungsstrategien entschieden. Wir bewegen uns lieber nicht. Wir sagen nichts. Wir wagen nichts. Wir gucken nur. Und dann kommt die Wut. Am Sonntag im Wahllokal. Zwei Kreuze. Bums. Jetzt zeig ich’s dir! Bums. Kreuz eins Kreuz zwei. Ich habe immer gesagt, ich wähle nicht. Jetzt wähl ich doch. Und wo landet mein Kreuzchen? Nicht bei Tante SPD. Die lügen ja noch immer. Das geht natürlich auch an Tante SPD nicht spurlos vorbei. Sie macht jetzt auf Angsthase … macht eigentlich immer weniger. Man kommt ganz gut zurecht mit Tante SPD. So mut- und zahnlos. Jeder will perfekt sein. Jeder will es besser wissen. Die Fakten, wissen wir, sind Teil des Problems:

Deswegen Drittens. Der Begriff des Establishment ist wirklich grrrrrrrauslig. Ja, er ist tatsächlich fürchterlich. Warum hört ihr dann nicht einfach auf damit? Hört auf, etabliert zu sein, kommt doch Tante Gertrud und Onkel Joseph mal besuchen. Bringt ein bisschen Kuchen mit und Wodka. Und wir machen eine Sause. Stattdessen die klassischen Frames und das profaktische Wissen – das interessiert vielleicht nur dein ICH, sich profilieren, und den neusten Sprech sprechen, aber sonst Niemanden. Denn Tante Gertrud schläft und Onkel Joseph raucht sich eine und ich schreibe diese Nummer.

Morgen dann … ja morgen dann … ist auch Teil des Problems.

Dass ihr voneinander abschreiben könnt, haben wir begriffen. Euch gegenseitig zuhören, Lauschen. Und lernen voneinander. Interessiert nur Niemanden. Das ist nur Teil des Problems. So ihr beiden Süßen da, Schulte und Gabriel, werdet euch einig auf dem Foto? Auch das ist Teil des Problems.

Tante Getrud und Onkel Joseph wissen einen Rat, ich kann ihn unterstützen:

Liebe Tante SPD: Wie wäre es mal wieder mit einer Runde Opposition? Einfach mal die Stühle räumen, sich in die zweite Reihe setzen und mal ein bisschen rumstänkern wieder. Was glaubt ihr, wie Tante Gertrud und Onkel Joseph das finden? Töfte sagen sie. Töfte ja. Butter bei die Fische. Trommelwirbelt mal wieder Tante SPD: Denn die Fehler sind immer bei den anderen. Auch das ist Teil des Problems.

Trumpologien

image

 

Schwierig, das zu verstehen? Wenn man es komplex will ja. Will man es klarhaben, relativ einfach. Alle Archetypen der Mythologien einmal durch den Wahnsinn gejagt multipliziert mit den Möglichkeiten der neuen Medien. Macht Sex, Porno, Hate-Speech plus Unterwäsche. Macht Entsetzen, Wut und Ignoranz. Macht Bonobo gepaart mit Baumstämme rauf wie runter. Macht Toxikologie geteilt durch seine Verbrennbarkeit. Wir haben uns längst an Emerich gewöhnt, da kommt es noch schlimmer. Wenn Kino glaubt, es drehe einem den Hals um, die Wirklichkeit bricht einem das Genick?

Will ich das zusammenfassen, in wenigen Sätzen, brauche ich Schlagworte: Rassismus. Establishment. Sexismus. Wut. Cowboystiefel. Wrestling. Den Urschlamm der Postmoderne. Gut und Böse stehen sich Auge im Auge. Die Seelen einer jeden Brust öffnen sich und lassen alle Miesepeter, Greenhorns und sämtliche Ansichten eines Clowns neu auferstehen. Nur dass diesmal Frankenstein Autor ist und nicht Werner Herzog. Will ich es verstehen, müsste Wim Wenders Out of Rosenheim noch einmal drehen, nur mit Tarantino als Tankstellenwärter. Will man das verstehen, muss man G.W. Bush noch einmal von vorn bis hinten ansehen. Das Amerika, von dem wir hier reden, hatte einen kurzen glamourösen Auftritt in einer Oper von Verdi, der Reality-Schock kam nachmittags übers Reality-TV in jedes Wohnzimmer … da bluteten die Herzen, Nasen und sonstige verwundbare Stellen. Der Mensch auf der Suche nach Schmutz, Unrecht und My Home is my Bomb.

Es ist dies vor allem ein Sieg der Medien über sich selbst. Wenn man alles darf, keine Zensur hilft, jeder noch so Dahergelaufene plötzlich Hauptrollen übernimmt, nur weil mehr als zwanzigtausend auf der anderen Seite Yeah Yeah Yeah rufen, haben wir den Salat versalzen und gepfeffert gewürgt und verstopfend. Das postmoderne Märchen weicht dem modernen des Anything goes und Shit Happens … und da Moral, Ethik und Anstand langweilige Spielarten der Disziplin und der Kontinuität nach sich ziehen, will man es lieber heiß als kalt, lieber erschreckend als beruhigt, lieber monströs statt beschaulich.

Es gibt genug Hinweise, dass da plötzlich eine heile Welt durch eine zombierte ausgetauscht wird. Und niemand will das gesehen oder erahnt haben? Wo sind unsere Zukunftsforscher, die Psychologen und die Vermittler und Diplomaten und Weisen und Autoren und Lehrer und Mütter und Pfarrer und Autoschlosser und Mechaniker und Chemiker und Biologen und Elektriker und Programmierer und Barbetreiber und Musiker und Zugführer und Verkäuferinnen und sowieso alle, die morgens die Straßen säubern, abends die Straßen säubern,  die Wurst der Metzger, das Lamm?

Sie alle verrichten ihre Jobs jenseits der Öffentlichkeit. Die Öffentlichkeit aber wird bestimmt von Bildern, Film, Interviews, von Noisy-People. Es ist also der mediale Triumph eines Trump im Lautesten der Lauten.

Um sich heute Gehör zu verschaffen, musst du provozieren und die Lücken des Schweigens aufreißen. Höher schneller weiter und am Ende haben wir alle eine dicke Schnauze?

Die hat nun ein vorzeitiges Zwischenhoch erreicht, und die Furcht geht um, das ließe sich noch toppen. Wahrscheinlich lässt es sich noch toppen. Denn die Kinofilme haben es schon drauf. Und wir, die Immunisierten gegen all diesen Trash und Lärm wollen noch mehr Trash und Lärm. Der Himmel ist offen. Die Katastrophen werden täglich neu erfunden.

Dystopien sind nicht mehr nur Marketinggag, sondern Teil eines Pflichtprogramms zur Eroberung von Verkaufszahlen. Die Leisen hörst du nicht. Die Lauten übertönen sich schon beim Kommen und Gehen. Pferdestärke, donnernde Röhren und am besten mit 400 km/h über die Landstraße. Oh Mensch, oh Tier, wer bremst dieses Tempo? Ja. Das Geschrei – der Lärm um nichts – das war vor Trump.

Die Trumpologie folgt erst jetzt.

Jetzt werden wahrscheinlich alle, die lauter schreien wollen als Trump, ein Problem bekommen. Mit Trump. So gesehen. Der Käfig steht. Das Wrestling ist gut bestuhlt und das Zelt schon gebaut. Das Weiße Haus ist wieder von einem Weißen besetzt.

Und nun warten wir auf den täglichen Schrei, die Sprechblase über dem Haus. Die große weiße Blase mit ganz großen Buchstaben. ARGH!!!! UFF!!!! BLESS U!!!! GOD DAMN!!! DINOSAUR. Der Punk ist zurück.

Die Verstärker richten ihre Hochtöner gen Volk. Ein Käfig ist das weiße Haus. Für alle animalischen Gelüste. Soweit.

Das wäre nämlich zu einfach. Trotzdem. Einmal gut zu wissen, dass es sowas wie Urschrei, Ursprung und Grundgefühl gibt. Der Archetypus Godzilla ist nun gut beobachtbar in seinen neuen vier Wänden und hinter schicke Säulen gesperrt. Die Marionetten und Puppenspielerfabrik.

Und doch geht es um Kultur. Das hat, wie wir wissen, mehr verdient als nur Hallo hier Ich.

Machen wir uns nichts vor. Aber der Neoliberale Zug fährt allen zu schnell. Und dieser Bremsklotz in Form einer Trumpologie ist vielleicht auch mal gesund. Sollen sich die ihn gewählt haben jetzt ein bisschen in Sicherheit wiegen. Das Geschäftsgebaren der anderen werden sie nicht verhindern können, auch nicht verzögern … es droht vielmehr, dass sie bald alle erwachen und sehen. Mein Land, mein schönes Land, es ist noch immer dasselbe wie vor wenigen Jahren.

Es kam kein Trump mehr vorbei, sondern nur die Trumpologie.

Das Fernsehen wurde immer unterhalsamer zwar, und nackter und obszöner … aber irgendwie war da noch immer nichts für Otto-Stinker-Normal dabei. Der ist immer noch weiß, hat inzwischen einen Bierbauch, die Frau ist davon, die Kinder sind noch immer sehr teuer.

Das Auto fährt zwar mit subventioniertem Sprit, aber das Radio ist ständig kaputt, weil von den eigenen Leuten gelötet.

Machen wir uns nichts vor. Ronald Reagan, Bill Clinton und G.W. Bush, und jetzt Obama.

Die standen alle Pate in diesem Film. Nun drehen wir das Rad ein bisschen zurück. Nur ein bisschen. Mehr Kohle buddeln. Mehr Gold suchen. Noch mehr Wind um Katrina und Mathew. Bis endlich Emmerichs Vision vom meerumspülten New York Reality wird.

Geben wir ihm eine Chance. Er wird es nicht hinkriegen. Vielleicht hat Obama ja eines richtig gemacht. Den roten Knopf aus dem Weißen Haus entfernt oder unsichtbar versteckt. Hoffen wir das.

Nochmal zurück zur Kultur. Welche? Was kümmern wir uns um Werte? Welche? Ist etwa Neoliberalismus ein Wert? Die Slogans saßen schon mal besser. Ach was. Sagen wir so. Das Gebrüll und Geschrei ist nun jederzeit im Weißen Haus sicht- und hörbar, vielleicht.

Von golfspielenden Präsidenten wollte ich sowieso nie was wissen. Und das Leben geht weiter. Die Arbeit liegt auf den Straßen. Und wenn die Trumpologie nach sich zieht, dass BMWs wieder ausschließlich in Deutschland hergestellt werden … Chrysler und Ford sich im Gegenzug aus Deutschland zurückziehen. Was ändert das? Nun. BMW muss dann mal über Kleinwagen nachdenken. Innovationsschub bedeutet das. Revolution am Fließband.

Nochmal zur Kultur. Welche? Gestern habe ich, glaube ich, im Fernsehen nur einmal einen richtigen Satz gehört: Trump ist nicht Urheber einer Fehlentwicklung, sondern Symptom.

Eine Marionette des schlechten Stils. Und an den müssen wir uns jetzt wohl gewöhnen. Im Gegenteil. Den müssen wir uns vielleicht auch mal aneignen.

Warum darf ein Philosoph Zizek in aller Öffentlichkeit rumrülpsen, während ich gleich von grünen Männchen umzingelt werde, wenn ich das Wort Sprengstoff in den Mund nehme. Nur in den Mund, wohlgemerkt, nicht in die Hand. Das Wort Sprengstoff explodiert ja noch nicht. Es ist nur der Hinweis auf etwas, was explodieren könnte. Jaja, Volkswagen … Aktienkurse Samsung-Handys, die explodieren … ich muss ständig still sein, rumkuschen, darf niemandem sagen, dass er sich bitte mal den Popel von der Nase wischen soll.

Denn man könnte mir glatt unterstellen, ich hätte den Popel, und zwar nur den Popel in seinem Gesicht, pardon, an seiner Nase gesehen. Ich traue mich also nichtmal, ihm den Popel redend aus dem Gesicht zu wischen, da geht er mit dem Popel in seinem Gesicht die Straße entlang, und ich sehe ihn mit dem Arm ins Gesicht fahren, so hängt der wahrscheinlich an seinem Pullover, auch das darf ich nichtmal erwähnen, in dieser schönen heilen AchgottweltchenWelt.

Die Welt ist dunkel im November. Im Dezember. Und Trump kommt erst im Januar. Alles weitere dann? Können ja noch ein bisschen hysterisch werden in dieser trumpo-logischen wie trumpo-unlogischen Welt. Die Ratio hat es wirklich schwer. Der Verstand sowieso. Und die Vernunft braucht immer Zeit. Nehmen wir sie und machen jetzt bis Januar einfach mal ein Fass auf. Lesen nette Sachen. Gucken uns entspannt Satirefilmchen an. Und gehen ab und zu auf ein Konzert.

Und nicht vergessen. Die Lieben zu grüßen. Ein paar Gäste einladen. Gutes Essen zubereiten. Gute Musik auflegen. Und nicht immer über Trump reden. Sondern über unsere eigene Zukunft.

Er macht ja auch nur seinen Job, bald. Soll ich deswegen meinen jetzt einstellen? Ich bin kein Trumpologe. Reagan hat mich schon nicht interessiert. Clinton kenne ich nur als Lewinsky. Bush hat die Twintowers auf dem Gewissen. Und Obama hat eine tolle Frau. Hillary wird das verkraften. Und Trump hat sicher auch ein paar Berater.

Ich leg mich mal wieder hin. Im April dann sind die ersten 100 Tage Trump schon von gestern. Und wer glaubt, ich habe Obama nicht gemocht. Das Gegenteil ist der Fall. Er ist einer Idee von einem Miteinander gefolgt, das kann auch kein Trump mehr rückgängig machen.

Grüße in die Runde. Wir schaffen das. Vor allem da draußen am rechten Rand. Grüße in die Runde: Glaubt nur nicht, dass Identitäre oder sonstige volkstümliche Bewegungen wirklich glücklich machen, sie behindern einen eher in der Entwicklung. Das kann ich aus eigener Vergangenheit bestätigen.

Mein ganzes Leben lang war ich HSV-Fan. Und Nun? Wo steht der HSV heute? Platz 18. 2 Punkte in 10 Spielen. Super. Echt super. Echt Trumpologisch. Wer das Maul zu weit aufreißt, wird dann auch an diesem gemessen irgendwann. Hochmut kommt vor dem Fall. Und nun ist mal der Hochmut des Establishment abgestraft worden. Richtig so. Ein Weckruf hoffentlich. Shit happens und Anything goes, nun, das machen jetzt erstmal die andern. Auch richtig so. Denn bedenke. Wessen Dingsda du anfasst, dessen Geruch haftet dir an. So gesehen. Entspannt euch. Es ist Winter. Heizt eure Buden. Wer weiß wie lang das noch geht.

 

diestadtverkaufen

 

 

 

Nach der Wahl ist vor der Wahl

Die Herausforderung an die Sprachwissenschaftler und -tüftler steht: Sich nicht mehr erheben über Trash, Kutte, Dreck und Trump, sondern ernstnehmen und akzeptieren. Die Fenster der Elfenbeintürme öffnen sich und draußen steht die Angst. Wie der Hysterie begegnen? Sind Schönsprech und gewaltfreie Sprache noch adäquates Gegengift? Moderieren, Ausharren und warten, bis der Arzt kommt – reicht das?

An diesem Wahlkampf konnte ich zwei Sprachansätze erkennen: Hier die freie Schnauze. Dort der gehobene Ton. Der gehobene Ton ist soeben entlarvt worden als die Stimme einer Oberschicht, des Establishments, der Arroganz und Überheblichkeit.

Die Wirklichkeit dagegen ist für niemanden einfach. Die westliche Welt steckt unleugbar in einer tiefen Krise. Anything goes und Shit Happens sind nicht einfach nur Gossenhauer … sie sind Leitbild unserer Kultur. Diese Verantwortungslosigkeit zieht einen Präsidenten Trump nach sich, der, im Wortsinn des Teppichs, nichts anderes unternommen hat, als ständig auf ihn drauf zu klopfen und dabei wurde so viel Staub aufgewirbelt, dass es zwangsläufig kein Weiterso mehr geben kann.

Es wurde ein Sprachsystem in Frage gestellt. Das der vorgehaltenen Hand, das der Verhandlungen in Hinterzimmern, das der Schönfärberei, es wurde einmal mehr sogar Statistik und Demoskopie ad absurdum geführt. Die Systeme funktionieren eben nicht. Die gesamte Datenerfassung steht im Sumpf. Das Wahlergebnis ist ein Aufschrei nach Liebe. Nach Rettung verlorener Heimat. Nach Verortung. Nach Inhalt. Das kann leugnen wer will, aber das ist eben auch der Nährboden unserer Zeit. Das Blindwütige, die permanente Optimierung, die Sucht nach Perfektion, hat das System und seine Teilnehmer verwundbar gemacht. Daraus erfolgt der Ruf und Wunsch nach Klarheit, Transparenz und ja: die Sicht auf das Fehlerhafte jedes Einzelnen.

Trump steht da wie ein Bekenntnis des Unvollständigen, des Kaputten, des Ergebnisses unserer Kultur, mit dem sich offenbar viele identifizieren. Das Kaputte Amerika hat sich Luft verschafft. Niemand will mehr flitzende Kugeln sehen oder Livecharts der Börse, das Erfolgssyndrom der Kapitalen Welt ist nur eine Versuchsanordnung und erodiert mehr als nur die Börse. Es ist dies vor allem ein Votum für und gegen das Kaputte. Die Bilder. Die Filme. Die Prügeleien, der Schmutz, die Differenzen, nichts lässt sich besser pushen als die Angst vor dieser Prügelei, dem Schmutz. Ein fast schon fatalistischer Infarkt. Ein Selbstmord auf Raten auferstehend aus Ruinenbildern. Ein tiefseelischer Anspruch nach der heilen Welt. Die Differenzen schmerzen, die Unterschiede sind nicht auszuhalten, die Identitäten verloren. Aus dieser Ursuppe lässt sich wundervolle Nazisuppe mit vielen Nazinudeln darin köcheln. Das macht ein Populist einfach besser als ein schön sprechendes High-Society Mitglied.

Es wurde eine Dekade abgewählt. Die Neureichen und Schönen der Demokraten haben Platz zu machen für die Altreichen und Schönen der Republikaner, denn die haben das Land aufgebaut, sie wollen nicht länger mit denen in einen Topf geworfen werden, die nichts haben.

Die Machtverhältnisse wollen wieder etabliert sein in Form von die Diedaoben reich und schön, die da unten dumm dick und arm. Es ist hier nichts anderes passiert, als die Trennlinien wieder sichtbar machen. Wieso soll sich ein Land regieren lassen von denen, die sich um Gleichberechtigung sorgen? Dass allein ist vielen zuwider und für sie nicht nachvollziehbar. Dann lieber ehrlich und klar: Das Establishment ist reich schön und vermögend und führt das Land. Alle anderen verdrücken sich in die Holzklasse. So sieht Reinheit aus. Klare Linie. Danke, Trump, dass wir wieder klarer sehen. Die Armen und Dicken und Dummen sollen sein, was ihnen zusteht: Opposition.

Da weiß man was man hat. Nichts. Nichtmal mehr die Macht. So dumm ist Volk. Sägt am Ast, auf dem es sitzt. Macht nix. Denn bald sehen wir ein bisschen noch klarer: Der Dumme, Dicke Arme bleibt dumm dick und arm. Zurück ins neunzehnte Jahrhundert. Besser zu wissen worunter man leidet als nur zu ahnen, worunter man noch so leiden könnte. Warum partizipieren, wenn doch Partizipation nur scheinbar gelingt. Dann besser nicht partizipieren und klarhaben, wem man es zu verdanken hat.

Trump will ein neues Infrastrukturprogramm … Autobahn- und Straßenbau, und wer macht das für welches Geld? Der selbstverschuldete Sklave hat sich einen neuen Job gewählt. Trump hat angekündigt Strafzölle auf Firmen zu verhängen, die im Ausland produzieren. Das ist mal gerecht. Das eigene Volk soll schrauben, hämmern, zusammennieten, was es fährt. Das Volk wählt, was es verdient: seinen neuen Arbeitsvertrag ohne Recht und ohne Vorsorgeverpflichtung, wenn schon arm, dann richtig. Das Versprechen steht: Für jeden Wähler seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit gibt es Stars and Stripes als Bettwäsche, als Wandteppich als Fußmatte. Und abundan eine Liveübertragung vom Dinner im Weißen Haus. Einer von uns isst Truthahn und Pommes.

Hoffen wir nur, dass Der Präsident Trump ein anderer ist als der Wahlkämpfer Trump. Hoffen wir, dass er bald versteht, dass es einen Unterschied macht zu repräsentieren und nicht zu polarisieren.

Gleichzeitig hat das Lager um das Immerweiterso endlich Zeit, sich zu justieren. Dass Trump nun in die Rolle des Immerweiterso gedrängt und gewählt wurde, wird ihm Schwierigkeiten bereiten, er hat auch noch die Mehrheit im Kongress.

Die Krise der westlichen Welt wird also vorerst nicht aufzuhalten sein, sie wird die Gegensätze und Ungleichgewichte wahrscheinlich noch verstärken. Das aber könnte am längeren Ende bedeuten: wenn die, die heute abgewählt wurden und verloren haben, sich neu aufstellen und konsolidieren, wird sich die Vaterstaatrolle unter Trump zwangsläufig in einen Mutter der Nation Ruf verwandeln. Schreiten wir (wer wir? – ich doch nicht?=!) also erstmal, getrennt durch Lager, den mageren Jahren entgegen, bis Ottonormalverdienersklave einsieht, dass sein Hirn nicht vergessen kann: Da hat doch jemand mal versprochen, dass es besser wird … und was passiert? Die alten/neuen Reichen fahren jetzt noch besser und schneller über die von uns errichteten Autobahnen und Straßen – und schon wieder hängt eine Subprimekrise über dem Land, und wieder muss man diese Krise exportieren, wohin diesmal?

Wir (wer wir? Ich etwa?=!) brauchen uns also nicht an Trump abarbeiten, der hat mit sich selbst genug zu tun, jetzt nämlich steht seine Glaubwürdigkeit zur Position. Die Drecksarbeit darf er jetzt machen! Und das ist gut so. Denn alle anderen können ihn nun beobachten beim Suhlen und Baden und Verdrecken im Schlamm, den er rührt, denn der Gegner ist aus- wie umgefallen. Endlich darf nun auch links vom Mississippi wieder gesagt werden, was man denkt. Der Freisprech, den sich die Rechten derzeit erlauben und ungezügelt anwenden, darf dann wieder von denen gesprochen werden, die sich für alles und jeden rechtfertigen mussten in den letzten Jahren.

Es wird also die Trennung zwischen Schönsprech und Dreckston wieder aufgemischt werden zugunsten einer Alles-ist-erlaubt-Sprache, die Tabus auf der linken Herzkammer sich nicht mehr zurückhalten müssen, die innere Migration beendet werden darf, denn endlich regieren wieder echte Flaschen.

So gesehen kann man auch mal ausatmen, denn das Scheitern ist nun bei den anderen. Wir werden sehen. Angst haben muss man um unsere Breiten. Denn das Komplexe wird uns auch hier schon zum Verhängnis. Überlassen wir es denen, die da rumschreien, sie bekämen es schon hin? Sollen sie mal machen? Besserwisser an die Macht? Denn dort geht eh nichts mehr? Oh Mutti, oh Mutti. Hörst du die Signale? Oder ist das Komplexe auch nur Importware aus deren Hegemonie / und nun wird alles klarer?

Herr Trump. Eine Bitte habe ich schon jetzt. Schaffen Sie bitte die Spam aus meinem Postkasten. Bitte. Seit Jahren lasst ihr das einfach schleifen. Ich wäre Ihnen sehr verbunden. Ergebenst Ihr Nichtwähler.

Die Selbstdemontage der SPD

Die Selbstdemontage der SPD

 

Keine Frage – das rockt – und schockt. Das war trotzdem nicht anders zu erwarten. Der Frust in der Bevölkerung muss groß sein. Der Siegeszug der AfD auf Kosten der anderen ist unübersehbar. Kein Programm, aber aus dem Stand stärker als die SPD in Sachsen-Anhalt. Das muss zu denken geben. Da gibt es nichts zu beschönigen. Das ist vor allem eine Niederlage der SPD.

Die Selbstdemontage der SPDDie Selbstdemontage der SPD

Ursachenforschung ist angesagt. Ursachenforschung heißt vor allem die blinden Flecken der Wahrnehmung aufhellen. Die SPD ist im Osten nicht angenommen, geschweige denn angekommen. Die Abstrafung der Linken ist ein weiteres Indiz. Es hat sich also ausgezahlt für Schröder und Lafontaine, die SPD zu spalten in eine kleine SPD und in eine noch kleinere Partei der Linken. Und beide haben ihre Klientel nicht mehr im Auge. Der Vorwurf, die SPD sei eine Bonzenpartei steht und fällt mit dem Partner in dieser Koalition – wenn die Partei des kleinen Mannes seine Freunde nur in der Lobbyhalle der Aktiengesellschaften vorfindet, kehrt sich die Logik um. Der Wähler bestraft die SPD für ihre Kumpanei mit der Macht – und wählt sich eine neue Opposition.

Das ist nun offenbar und sichtbar geworden die mit dem Röhrenverstärker, die mit dem Hals – die mit dem von Linken geleugneten Heimatgedanken. Arm und Sexy war nur ein Spruch – Reich und mächtig ist aber der Wunsch – auch des kleinen Mannes.

Es ist vor allem der Patriot ein Seelenverwandter. Der Rechtsaußen mit der Sprache des Einfachen und Klaren – das Komplexe der Gesellschaft ist dem kleinen Mann nicht mehr zuzumuten? Vereinfachung tut Not? Wenn über die Jahre sämtliche Spitzenfunktionäre der Partei des kleinen Mannes sich in die Vorstände der Konzerne absetzen – so ist es mit reiner Symbolpolitik und reinem Hoffnungsschaumschlagen nicht mehr getan.

Immerhin kann man verzeichnen, dass die SPD tatsächlich Ernst gemacht hat mit der Frauenquote. Immerhin kann man verzeichnen, dass die SPD sich noch mit den Vokabeln der sozialen Gerechtigkeit und der Mühe um politischen Frieden weltweit und landesintern wenigstens beschäftigt – aber dann will die SPD auch noch modern sein, aufgeklärt und liberal. Da ist ein Schwamm von Ideen und Maßstäben sichtbar – die stehen der Stimme des Einfachen und Klaren entgegen, und sind ihr auf Dauer unterlegen. Denn der einfache Mann strömt blindwütig zu den Parolenkanistern der noch extremeren Vereinfacher … auffällig ist, dass man selbst in der Niederlage, und das hier ist eine schwere Niederlage: Sowohl in Baden Württemberg als auch in Sachsen Anhalt – so tut, als habe die SPD gewonnen. Ja, sie hat in Rheinland Pfalz einen Punktsieg erzielt. Und sicher muss man den Wählern der SPD dort danken – aber niemand wird übersehen, dass die Tränen in Sachsenanhalt große Fragen aufwerfen.

Was will die SPD sich noch mit der Macht und dem Establishment arrangieren, wenn ihr der Wähler davonläuft. Muss die SPD nicht mehr noch als die AfD die Oppositionsrolle annehmen und sich in ihr erstmal neu ergründen und finden? Man kann es nicht laut genug sagen. Das Konzept des Ewig-Regieren-Wollens um der Einflussnahme in der Deutschen Politik Willen führt zu dauerhaften Verlusten. Die Opposition wird als Strafe empfunden? Warum? Die Stimme des kleinen Mannes sucht vor allem auch nach Identität innerhalb einer wie auch immer gearteten modernen Gesellschaft – will nicht mehr kleiner Mann sein. Und wird dazu immer wieder verdammt. Chancengleichheit gab es cum ergo nur für Schröder?

Denn der kleine Mann ist nicht mehr nur der Westfale im Trainingsanzug oder ewig verbettelte Kettenraucher mit Bierflasche – Theo gegen den Rest der Welt war gestern und Borussia Dortmund ist noch immer die geilste Wand Deutschlands – der kleine Mann sitzt nicht nur im Westflügel der Mercedes Benz und sicher ist ihm die Not der anderen ein Dorn im Auge, weil es ach so schnell ihn selbst treffen könnte – der kleine Mann ist vor allem eins: verunsichert, verschüchtert – eingekeilt zwischen Paragraphen, Steuer- und Rentenbescheid. Niemand kann von 800 Euro monatlich leben. Niemand die Miete bezahlen, die sich die Hipster so vorstellen, niemand die von der EZB offenkundig lancierte Inflation, die nur das Eindampfen des Ersparten nach sich zieht, und niemand versteht, was an amerikanischem Genmais besser sein soll als an der holländischen Gurke oder Tomate – und niemand versteht, warum eine hundertjährige Geschichte der Sozialdemokratie plötzlich in eine Erfolgsgeschichte der lauten Töne umschlägt, ohne dass die SPD sich aufstemmt und sich beschwert – Aufstehen muss und will der kleine Mann – der mit der Nulllinie seines Geldes auf dem Konto zum Monatsende – die Freiheit sich nicht nur darauf beschränken kann, Sonntags im Grunewald spazieren zu gehen oder St.Pauli Fan zu sein – mitgestalten und mitfeiern will er, nur was?

Seine Parteivorsitzenden? Seine verbonzende Gewerkschaft? Konkurrenzfähig will Deutschland sein und vergisst dabei mehr als die Hälfte seiner Einwohner mit auf die Reise zu nehmen. Kurzum: Wenn die SPD nicht allmählich auf Krawall bürstet, sprich die Empörung seiner Wählerschaft ernst nimmt und für sie kämpft – in dieser Reich-von-Arm-Entkoppelungsgesellschaft – ja, dann haben wir eben plötzlich nur noch deutschnationales Getümmel in den Parlamenten – und überlassen das Feiern denen, die sich mit Parolen und Bass-Drums den Weg freihalsen.

Offensichtlich geworden ist auch: es geht nicht mehr um eine höhere Form von Intelligenz oder systemischem Denken über das Höher Schneller Weiter oder um die Ideen zur Überzeugung der Wirtschaft zum gemeinsamen Handeln – es geht ums Selbstverständnis der Partei. Es muss die Sozialdemokratie wieder ein Selbstbewusstsein erreichen. Und sich nicht mehr vor ihrer Klientel fürchten, sondern sie mitnehmen. Und das heißt Stellung beziehen! Die Uneindeutigkeit eines Parteivorsitzenden wie Sigmar Gabriel will lesbare Positionen. Hier, wir, die SPD, wir können die Übernahme sozialdemokratischer Positionen durch Mutti-Merkel nicht mehr gut heißen, denn das bedeutet den Untergang der Sozialdemokratie.

Das will eine Klärung der Postionen – da sind wir schnell im Diskurs: einen der weh tut. Einen der leider noch nicht weiß, was er will, aber zwingend wieder wissen muss, was er will! Denn das hat die SPD denen von rechts voraus: Tradition, Geschichte und Position – dazu gehört: Kante … rote Linien. Und mehr denn je: Die Spitzenposition einer Partei muss Charisma haben – Glaubwürdigkeit in seinen Reihen. Einen patriotischen Kompass! (Wer hat eigentlich gesagt, dass Patriotismus etwas Verbotenes sei? Wer hat es denen von rechts erlaubt, diese innere Stimmungslage nur nationalistisch zu besetzen?)

Nicht der Vorstand von Siemens und Daimler und der deutschen Banken sind Wähler der SPD, einige wenige werden es wohl sein, aber mehr noch sind das ihre Angestellten und Mitarbeiter. Da ist ein wenig mehr eines Anti-Liberalismus, eines Widerstands gegen das Anything Goes, ein Stopp in die Übervorteilungskultur zu setzen, gerade und wegen auch der AfD, die ja wohl auch auf diesen kapitalistischen Zug in die falsche Richtung aufspringen will. Die Freiheit der anderen kann nicht bedeuten, dass die Mehrheit dabei eingesperrt wird in ihren Mindestlohn und ihre Geradeso-Überlebensstrategie! Die linke Hirnhälfte Deutschlands muss wieder lesbar gemacht werden, sichtbar und konturiert. Und nachdem Schröder die Armut geharzt 4 und festgeklopft hat – es Lafontaine war, der vor dieser Entwicklung warnte – die Programmatik der Linken sich von der der SPD kaum unterscheidet – braucht es niemanden mehr zu belasten, wenn Linke und SPD sich wieder einander annähern – sie dies in einigen Landtagen auch erfolgreich praktizierten – das Blockdenken der letzten Jahre also in die Schublade gehört – es einer Ost-West Wiedervereinigung 2.0 geben darf.

Aufwachen liebe Genossen und Genossinnen! Aufwachen aus dem tiefen und gewerkschaftlichen Beamtenschlaf, in dem von der Toskana und anderem Glamour geträumt wird, wie er weite Kreise der Partei erfasst hat. Raus aus der Regierungsverantwortung. Oppositionsarbeit leisten! Mit Dampf!

Und denen da aus ihrer rechts liberal konservativen Irrfahrt die Leute ab- oder zurückholen! Da will ein falscher Hase an die Fleischtöpfe der Gesellschaft. Der kleine Mann aber, der sie gewählt hat, wird künftig erleben müssen wie er weiterhin klein bleibt (die AfD ist ja nach vorsichtigen Interpretationen ihres Parteiprogramms ebenso eine Bonzenpartei – allein ihr Programm bezüglich Atomkraft lässt das vermuten – wenn das keine Lobbyisten-Position ist?) Soziale Gerechtigkeit und sozialer Frieden liest sich bei ihnen vorwiegend als Gerechtigkeitsklausel für die eigene Klientel. Nur welche ist das? Der erschrockene Wutbürger? Der LKW-Fahrer? Der Tankstellenwart? Die Drogeriemarktangestellte? Der Schaffner bei der DB? Der Taxifahrer von nebenan? Der Autohändler an der Ausfallstraße nach Nauen? Der Polizist? Der Beamte? Die Angestellten im öffentlichen Dienst? Nicht einer dieser Leute wird, schaut er sich das Rückwärts-Wirtschaftsmodell der AfD genauer an, sich dort abgesichert fühlen, oder vertreten? Das Konzept ist mehr als heuchlerisch. Dem kleinen Mann die Stimmung im Bauch ablesen – ihn aber in seiner Ohnmacht und Ruine seiner Existenz halten – denn nur ein Wutbürger, der auch Wutbürger bleibt, ist und bleibt ein potentieller Wutwähler. Da tut Aufklärung Not!

Liebe SPD: Holt euch die Themen zurück! Die AfD soll sich mit der FDP, der CSU und der CDU rumkeulen – niemand mehr aber soll das Gefühl haben, dass er als Protestler bei denen besser aufgehoben ist als in der SPD. Ein bisschen mehr Willy Brandt wagen. Und Herbert Wehner. Und die Konsenskultur aufkünden, denn die höhlt sich von innen her aus. Wenn die AfD eins geschafft hat, dann die Infragestellung dieser Immer-weiter-so-Haltung. Und daraus kann nun vor allem Die SPD ihre Pfunde erzielen. Wenn sie denn will.

Der zweite Verlierer der Wahl: Die CDU.

Zwar scheint Mutti Merkel sich durchzusetzen, denn ihre Haltung in der Flüchtlingsfrage findet noch immer nicht nur Ablehnung – immerhin. Aber was ist mit den klassischen Themen der CDU, Familie, Sicherheit, Deutschland. Diese Themen muss auch Mutti als von den rechten der CDU stehenden Kräfte abgeholt betrachten und somit ihren Fokus wieder auf das richten, was Heimat war in der CDU:

Die Selbstdemontage der SPD

Was habe ich auf Kanzler Kohl geschimpft wegen seiner Versprechen von blühenden Landschaften und der geistig sittlichen Rundumerneuerung – die, wie wir wissen, zu Phrasen wurden – es gibt zwar einen Länderfinanzausgleich, es gibt inzwischen wieder eine schwarze Null, es gibt tatsächlich so etwas wie ein Deutschland, auf das man stolz sein kann, wegen seiner Vielfarben. Und sicher auch wegen seiner Toleranz, seiner Weitsicht, seiner finanziellen und wirtschaftlichen Kraft.

In jedem dieser Ansätze steckt nun auch ein ABER. Die Kölner Silvester, die brennenden Asylheime, das NSU Verfahren, die Abhöraffäre durch die NSA, der gehackte Bundestag, das zu niedrige Polizeibudget, den Materialschwund der Bundeswehr, die Leichtfüßigkeit im Umgang mit Steuersündern, die immer weiter getriebene Verfettung des Bankensystems, das Desinteresse an spirituellen Worten der Kirchen, die Sonntagsreden zum Kulturellen und Geistigen – die Verunsicherung der Sparer – wenn die schwarze Null nicht nur stur verfolgt würde, man vielleicht wieder Inflation im 3% Bereich zulassen könnte, und somit die EZB von der Zinsbremse nehmen, um dem Sparer seine Altersvorsorge zu lassen. Die Rente war sicher laut Blüm. Nun steht auch sie vor der Erosion.

Gleichzeitig fehlt dem Bürger inzwischen eine Übersicht, ein Plan, eine Idee dieser Wirtschaftsströme – (die ja die Flüchtlingsströme nicht aufhalten sondern verstärken) und alles hängt am Tropf der EZB? Wird über die EU in Brüssel überinstrumentalisiert? Wir stehen vor dem Scherbenhaufen einer sich immer weiter aushöhlenden inneren Logik/Idee einer Wirtschafts- wie Sozialunion? Warum konzentrieren die Konservativen dieses Land sich nicht auf das, was es zu konservieren lohnt (Gegenargument: Die Konservativen sich nämlich moderner geben als der Fortschritt selbst? – es ist ja bekannt, dass die CDU der bessere Architekt ist – es ist bekannt, dass die CDU die besseren Autos baut. Es ist bekannt, dass die Wirtschaftsvertreter eher der CDU angehören – und doch: gleichzeitig beklagt die Mutter solch eines Unternehmers seine permanente Abwesenheit und Auslandstätigkeit – permanent wird 16 Stunden am Tag gearbeitet – permanent finden Bierdeckelabsprachen im Flugzeug statt – permanent wird der Fortschritt in Überschall überholt – und wo bleibt da die Familie?) Die freiheitlich liberale Grundordnung – sie ist die Wirklichkeit einer instabilen und ichsüchtigen Weltunordnung auf der Überholspur – mit all den Folgeschäden an Herz Geist und Seele.

Da ich hier nicht zusehr rumwettern will, auch nicht gegen eine Kanzlerin, deren Absichten und Leitbilder sie mir als Vorsitzende der falschen Partei erscheinen lassen, muss es trotzdem möglich sein, auch innerhalb der CDU wieder Recht Ordnung Anstand, Disziplin und Entschleunigung erkennbar werden zu lassen. Und sicher ist ein Franz Joseph Strauß am Horizont nicht sichtbar – wer weiß das schon – keine Ahnung, ich sehe in der Öffentlichkeit jedenfalls nur Merkel-Komparsen, das kann nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Es fehlt der CDU die konservative Ausrichtung. Bewahren, Tradition, Festhalten, Innehalten. Stattdessen nur auf die Tube – das Tempo erhöht. Und selbst die FDP rechtslinks überholt.

Die Selbstdemontage der SPD

Es fehlen noch Grünen und eben die FDP. Um beide habe ich mich in letzter Zeit weniger gekümmert. Außer dass die Leute der AfD die Grünen als Ökofaschisten bezeichneten, und die FDP als ihre eigentliche (abhanden gekommene) Heimat. Ich sehe Herrn Lindner hart aber fair Kante zeigen, Freidenkerposen zelebrieren – vor allem aber sehe ich in der FDP den eigentlichen und wirklich Erfolg versprechenden Kandidaten, die AfD zu entkernen. Denn dort müssen die gerettet werden, die einen Steuersatz über 40% als Belastung ihrer Karriere ansehen und wissen, dass dieser Steuersatz nur zustande kommen kann, weil der eigene kreative Wille ihn provoziert – wenn aber die AfD das Leitbild sein soll mit ihrer deutschtümelnden und Mutter-Herdplatten-Familie – die Singlehaushalte sich rechtfertigen werden müssen vor diesen Familien, so kann sie nicht die Partei oder Heimat derjenigen sein, die in die Welt hinaus wollen mit ihren Produkten und Ideen, liberal kapitalistische Heimatvertriebene fühlen sich außerhalb ihrer Heimat erst wohl! Es kann doch kein noch so gewiefter Freiberufler, ob Arzt oder Architekt, sich im Provinzzug einer AfD jemals die Aufträge selbst erteilen – für eine Wirtschaftlichkeitsberechnung braucht es Welt. Aber hier, in den Reihen der besseren Deutschen weht ein anderer Wind. Da sitzen Höcke, Storch und alle anderen möglichen wie unmöglichen Schlawiner – Stopp, es geht um die FDP. Nun Leute. Das haben die sich selbst eingebrockt damals mit ihrem Bierdeckelsteuersatz, und dem Ruf nach Entbürokratisierung, und der Entkernung des Staats. Da setzt auch für die FDP das Umdenken ein. Denn ohne Staat kein geordneter Handel. Wenn der Staat erst weg ist, wozu dann FDP? Also braucht auch die FDP einen gesunden Staat.

Das sind also echte Körner, mit denen die FDP da punkten wird können bei der AfD, (Sich das Programm mal so eben zurückklauen!), denn die Schiedsrichter für eine bessere FDP Lucke und Henkel sind von Bord. Sagen wir so. Ich traue es der FDP zu, das wirtschaftlich Inhaltliche der AfD zurückzuerobern, denn da sind sicher einige Heimatlose in Panik mal eben bei den AfDlern untergekommen, um Regen und Sturm abzuwarten … aber nun kommt wieder Frühling, mit ihm die Sonne … Herr Lindner, Sie machen das schon! – zumal die AfD kein erkennbares Programm hat – noch immer nicht, nach drei Jahren! Die arme AfD wieder. Hack doch nicht immer auf denen rum. Hackt es. Also, der Gerechtigkeit halber: Whataboutism. Man erinnere sich an die Grünen zu deren Gründungszeit. Da gab es außer Antiatom und Startbahnwestkrawall und stoppt die Amis auf deutschem Boden, kein Programm. Da blicken wir einmal tiefenentspannt in die Grüne Ecke:

Die Selbstdemontage der SPD

Dort hat es eine Entwicklung gegeben von der Anti-Partei – hört hört – wie viele Radikalinskis damals in der Partei waren, hin zur Lehrerpartei mit Akademiker-Back-Grounding und vor allem mit einem Reality-Schock-wie Zwang … wer erinnert sich noch an Jutta Ditfurth? Wer sich an Trampert oder Ebermann, wer sich an Ludger Volmer? Nun die Partei, die Partei, die Partie … Ja, wer wird sich bei der Entwicklung späterhin an Von Storch oder an Höcke erinnern? Und wer sich an Henkel oder Lucke?

Womit ich abschließen will und muss. Denn da haben wir den eigentlichen Verlierer der Wahl. Der arme Bernd Lucke mir richtig hingehend leidtun will. Muss er doch mit angucken, wie seine eigene Partei, das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, wie seine Partei also nach dem Akt einer freundlichen wie feindlichen Übernahme durch Gauland, Petry und Storch, auch noch Erfolg hat, ein Grauen muss das sein für den Herrn Lucke. Tja. Ich würde mal behaupten. Die Geschichte ist noch nicht durch. Die jetzige Parteiführung ist ja eine Art Schattenkabinett, eine Clique aus der zweiten Reihe, und Sachverstand kann man bestenfalls bei den Gemäßigten vermuten, aber die Radikalen sind nunmal auch dort. Höcke vor, noch ein Eigentor! (Dann hat sich das eh bald erledigt) Und wie die da auf der Islamwelle rumreiten wollen in den nächsten Wochen, will mir nicht einleuchten. Denn das sollten sie an eigener Haut gespürt haben. Wo man Ressentiments und Wut über andere ausschüttet, holt einen das ein.

Die Selbstdemontage der SPD

Groß geworden sind sie durch die Abwehrhaltung der Etablierten inklusive der von ihnen so gebashten Pinocchio-Presse – das hat ja mal richtig hingehauen, Medienprofis. Ihr offen vorgetragener Grünenhass allerdings hat Grün in keinem der Länder verhindert. Genauso werden sie mit ihrem Islambashing die Kanzlerin vergrößern – oder schlimmstenfalls ein Einreiseverbot in die Türkei erzielen, können dafür Urlaub auf der Krim machen – das soll ganz attraktiv sein derzeit.

Merke: Der Deutsche nämlich, das ist eine seiner Tugenden: er strotz nur so vor Mitleid mit „den Schwächeren.“ Das heißt, er versetzt sich immer gleich in den Schockzustand, wenn jemand „getreten wird“. Nun hat die Presse immerzu auf die AfD eingetreten. Das erzeugt einen Mitleidseffekt. Und so sehe ich diese Wahl nicht nur als Protestnote gegen die Etablierten, sondern vor allem als Mitleidsnote für die Kleinen. Und sicher wird es jetzt manch einem mulmig, wenn er sieht, was er mit seiner Stimme angerichtet hat. Diese kehrt sich um. Wenn nun die AfD glaubt, sie könnte triumphieren oder gar großartig sich selbst feiern, so sollte sie durchaus darüber nachdenken, wie sie ihre Mitleidsnote vergrößert oder beibehält. Schaut man aber ihr sozial fragwürdiges Programm an (die rechte FDP), so wird es bald jedem klar, auch dem kleinen Wutbürger, dem entsetzten Protestwähler: Das Mitleid für Pharisäer und Philister, für Advokaten und Besserverdiener, für die Gerechten und die besseren Deutschen wird sich nicht auszahlen für ihn.

Selfpublishing leicht gemacht

Selfpublishing – Ernüchterung macht sich breit und wie man sich selbst publizierend selbst frustriert

 

Der Tipp kam von einem Zwischenhändler der Literatur, ein Türsteher quasi. Er hat Verbindungen zu Literaturagenten und wurde mir empfohlen von einer Bekannten … soweit so gut. Ich überreiche ihm eines Tages Teile meiner Exzerpte … und erhalte erstmal keine Antwort … nachdem ich ihm dann auf die Pelle rücke und frage, ob er mit meinen Sachen vorwärtskommt … die kurze Antwort, er brauche noch zwei Wochen, er sei viel unterwegs. Nach drei Wochen dann treffen wir uns in einer Kneipe. Da bekomme ich die einfache aber schlichte Anmerkung zu hören. Publizieren nein, weitermachen ja, Selfpublishing ja.

Parallel dazu einer meiner besseren Bekannten aus alten Zeiten seine Bücher unlängst ebenfalls selbstpublizierend untergestellt hat … mit einigermaßen mittelprächtigem Erfolg – immerhin einmal pro Tag käme da inzwischen ein Kauf zustande … aber das ist doch ein Riesenerfolg, denke ich … jedenfalls sollte ich das auch mal machen … ich hätte da doch schon seit Jahren was in der Pipeline. Ja hatte ich. Damals, 2002 hieß es seitens Agent: hat das Zeug zu einem großen Autor, arbeitet aber sehr unstrukturiert, man kann keine Linie erkennen. Dieses Kompliment brachte mich dazu, mein Schreiben zu rekapitulieren – und es erst vor weniger als drei Jahren wieder aufzunehmen mit quasi zehnjähriger Verspätung – das war vor allem erstmal ein Kampf mit und gegen sich selbst. Denn wie leicht fließt was durch Schädel, Finger und Monitor aufs Papier – und wieviel von dem ist glatt für die Ablage Müll … das weißt du selbst am wenigsten. Nun gut, die Aussage steht. Publizieren nein, weitermachen ja, Selfpublishing ja.

Ich also auf hoher See – mit Rettungsschwimmer und allem Essbaren, was der Kühlschrank so hergibt. Meine Werke verbessert und verbessert und korrigiert und korrigiert und einmal ins Netz gestellt … und gewartet … und nichts … passiert. Ich wieder verbessert und verbessert und korrigiert und korrigiert … nochmal ins Netz gestellt … nichts passiert. Dann einmal auf umsonst als Werbeangebot … 150 Downloads in einer Woche … der Wahnsinn … keine Rezension, keine Alimente … danach wieder nichts. Ich das Werk wieder offline gestellt … und wieder verbessert und verbessert, umgeschrieben, andere Handlungsstränge … und bin heute noch nicht fertig damit.

Parallel die drei vorliegenden Bücher verbessert und verbessert, korrigiert und korrigiert, bei Freunden zum Lesen untergebracht … Resonanz ja, sei schon was dran … aber … und dann wieder verbessert und verbessert und korrigiert und korrigiert … bis ich das Gefühl habe, jetzt ist es soweit …

… und stelle es Online. Nichts passiert. Ich weiß und spüre, es kennt mich niemand. Niemand weiß, wer da schreibt. Der Name ist vollkommen unbekannt. Du musst Werbung machen. Also Facebook-Account aufgemacht … nichts passiert. Auch da nach ca. 3 Monaten vielleicht fünf Freunde … alles Freunde aus längst vergangenen Tagen … 2002 … da war ich aktiv im Netz …. alle Kontakte abgebrochen … beiderseitig … [beiderseitig heißt: die virtuelle Welt gegen die reale zurückgetauscht] nur eben die fünf da … die waren wieder im Boot …. Ich bekomme regelmäßig ein oder zwei I Like it und so langweilt mich das Facebook Account köstlich und wird von mir vernachlässigt und schließlich zum Termin, da Facebook noch mehr über meine Daten verfügen möchte, abgestellt.

Tja … das weiß ich noch aus 2002 … da war ich ca. sechs Stunden pro Tag online, um nach sage und schreibe zwei Jahren einen Freundeskreis von vielleicht sechs oder sieben Leuten zu haben … plus die Peripherien, die sich durch solche Kreise ergeben. Das mache ich nicht noch einmal, heißt seitdem die Devise. Aber wie bringe ich jetzt meinen Namen an den Mann, die Frau? Ich müsste mir ein Profile-Modell aufbauen … dachte ich … zwölf Profile? Zwanzig? Vierzig? Und überall rumposten …. Gott, wie aussichtslos ist das denn? Genauso wie die Arbeit an meinen Texte wahrscheinlich … denn längst bin ich auf dem Boden der Tagsachen angekommen, mein Schreiben ist einfach schlecht, denke ich seit längerem … es liegt nicht an der mangelnden Werbung, es liegt einfach an deinem schlechten Schreibstil … an deinen langweiligen Geschichten, am miesen Plot. Also lass dir die nächsten Exemplare mal ausdrucken und verschenke sie an deine treuesten Fans … das sind deine Freunde … und mal schauen, wer sich von denen künftig überhaupt nochmal meldet. Tatsache. Die Bücher sind inzwischen zehnmal verschenkt … und gelesen hat sie, glaube ich, noch immer keiner … und wenn … nun … dann habe ich sie wohl vergällt … melden sich nicht mehr, sondern warten auf die von mir versprochenen weiteren Veröffentlichungen, da habe ich noch vier Stück auf Halde … mache also auf den vier anderen Kanälen weiter, während ich erkenne: bei meinen drei publizierten Exemplaren gibt es inzwischen zwei Käufer … Freunde der Nacht, das sind zum einen der Freund mit dem mittelprächtigen Erfolg bei einem verkauften Exemplar pro Tag – wobei ich ihm das auch nicht mehr glaube; denn eigentlich müsste das Buch dadurch immer an vorderster Front mitspielen … auch egal … wenn er es glaubt, muss es so sein … und der zweite Käufer ein weiterer Freund, der sich für mich auch schon mehrfach eingesetzt hat … die restlichen Käufe tätigte ich selbst und warte auf weitere Gelegenheiten zu verschenken …

Während ich auch erkennen kann … meine Bücher gibt es inzwischen raubkopiert auf diversen File-Sharing Servern – schön. Da wird doch wenigstens mein Name bekannt – aber wahrscheinlich wird da nur gesaugt und nicht gelesen – und wenn schon gelesen … kann mir kaum vorstellen, dass ich deren Geschmack getroffen habe – ich bin ja ein elender Moralist … während die Piraten sind … die lachen längst über mich … jaja, das Lachen … das kann einem vergehen, wenn man bald regelmäßig auf seine Artikel sieht, und bemerkt, dass es neben dem eigenen Exemplar noch ein Kriegsbuch zu gucken gibt und diese ganzen Schmonzetten-Bücher auch, und Hanni und Nanni in weiblicher Kussmund-Manier – und all das schöne Geschreibsel um die Schmetterlinge im Bauch und dem Kribbeln auf der Haut … dann mach doch auch sowas … schreib ein bisschen Softporno, ein bisschen Soft-Killing und ein bisschen Polizisten-Romantik … warum machst du das nicht? – nun ich kann das nicht … muss es erst lernen … muss ich Kurse besuchen … gibt es im Netz … kostet … egal musst du machen … Dauer des Kurses? Ein halbes Jahr … plus dann … weil du es inzwischen besser kannst … ein weiteres Jahr fürs Manuskript … das du dann einstellen kannst, und vielleicht haben die von der Schreibwerkstatt ja auch ein Auge auf dich geworfen und empfehlen dich weiter, allein weil sie Werbung brauchen für ihre Werkstatt … vielleicht … tja … ich kann ja stattdessen 9,90 Euro pro Monat zahlen für Kindle Select – und gucken wie man Hardcore-Pornos schreibt und Hardcore-Krimis und Hardcore Dialoge und sowieso – dann nochmal darüber nachdenken, warum und wozu nun auch ich mit Porno Krieg und Lutschen konkurrieren oder mithalten will – und über was Eigenes nachdenken – etwas ganz Eigenes produzieren … in die Schublade damit … alles zu Daten gemacht … alles als Tagebuchprosa auf Festplatte gebrannt … da kann ich es gleich auf meine Webseite stellen und dort dann … aber nein, dann wird es wahrscheinlich geklaut und umgeschrieben und so verbreitest du zwar nicht deinen Namen aber deine Inhalte und dann sind auch die futsch …. und das nur, weil dich niemand kennt und du keine Ahnung hast … wie man auf sich aufmerksam macht, außer dass dir einfällt, 50 Avatare zu bauen, die du überall auf die Gemeinde loslässt … bis sie deinen Namen endlich gesehen und gelernt haben und ihn nicht mehr ertragen, weil der immergleiche Name sowieso bald zum Hals raushängt … bleibt die Aussage des Türstehers, Publizieren nein, Weitermachen ja, Selfpulbishing ja

Weil es eh keinen Unterscheid macht … ob du es selfpublihing nennst oder selfrefracking – Alles zwei Latschen mit ausgetretenen Füßen darin … die Kugel dreht sich weiter und du stehst auf der falschen Straße … stattdessen frisch eingeflogen: Ein Statement als Mail mit einem Word-Attachement … kann ich öffnen … dann fährt mein Rechner Schlitten im Netz … habe die anderen was von meinem Rechner … tolles Marketing wirklich…. SPAM … Kann ja diesen Brief auch als SPAM überall hin schicken. Hello Dear, my Name is Clemens Verhooven, I like you very much, I’m a Consultant of my own Writing … and I’m asking you if you can help me to make me sichtbar for people who don’t know me and don’t feel bothered, if they read me. Thanks a lot. Greetings and big Kiss Your Dentist Verhooven

Der Umgang mit Toten in diesem Land

Habe neulich aufgeschnappt, dass man die innere Verfassung eines Landes am Umgang mit seinen Toten ablesen kann. Abgesehen davon, dass das ein Pauschalurteil ist, muss ich erkennen: Der Tod eines jeden Einzelnen von uns in diesem Land wird perfektioniert bis in die letzte Weihe hinein, es entgeht dem Staat nichts, denkt man.

Mein Vater ist ein halbes Jahr tot. Noch immer kriegt er Post.

Gestern erst von der Kredit gebenden Bank – sie bedankt sich dafür, dass der Tote ihnen das Geld zurück gegeben hat, das er ihnen als Lebender noch schuldete.

Das Finanzamt schrieb an den Toten: Es erwarte eine Steuerklärung aus dem Jahr 2014. Für das Jahr 2015 wird der Tote kommendes Jahr mochmals aufgefordert werden.

Der lebende Vater hat ca. 2000 Euro über dem Freibetrag eingenommen, der tote Vater soll eine Steuererklärung dafür abgeben. Wenn ich dagegen halte, dass seine Beisetzung mehr als 3000 Euro kostete, heißt es erstens, das könne man erst 2015 geltend machen, und dann auch nur auf die eigene Steuer im nicht vorhandenen Vermögensfall des Toten – heißt hochdeutsch: vergessen Sie das. Der Tote hat zuviel Positiva überlassen – das kann nicht auf sich ruhen – das muss ebenfalls geklärt werden.

Erklären Sie mir dieses Land. Wer ist dieses Land. Ich etwa?

Passen Sie auf. Vor dem Gesetz sind alle gleich, das gilt auch für Tote. Ein Lebender, der sich davon macht, muss als Toter dafür zahlen, nein gerade stehen.

Zum Umgang mit den Toten [ein Zustand der sich offenbar für ein Amt oder eine Versicherung oder eine Bank kaum unterscheidet von dem eines Lebenden] sollte man ein kleines Heft schreiben – das der Stilblüte des Lebens im Land der Toten – die Beisetzung ebenso makaber wie der Sterbevorgang selbst. Im Sterben liegend oder im Koma musste der noch lebende Vater durch drei Krankenhäuser geschoben werden. Da es sich in seinem Fall um einen Arbeitsunfall handelte – so behauptete es die Polizei, sein Arbeitskollege, sein Hausarzt, das ihn aufnehmende Krankenhaus, musste die Berufsgenossenschaft das Gegenteil behaupten, und ihn deswegen obduzieren – dazu wurde den Angehörigen ein Papier untergelegt, dass sie als Einwilligung unterschreiben sollten, das diente schließlich der besseren Rechtsfindung im eigenen Anspruchsfall, vor der Versicherung oder der Berufsgenossenschaft. Ergebnis für die Berufsgenossenschaft: der Arbeitsunfall wurde bestätigt. Ergebnis für die Unfallversicherung: kein Arbeitsunfall, sondern vermutlich ein Schwächeanfall mit anschließendem Sturz von der Leiter, er sei vorwärts die Leiter runter und sei lautlos aufgeschlagen – Aussage gegen Aussage – nun soll ich um die Prämie kämpfen – [ein anderes Beispiel: Berufsunfähigkeits- und Unfallversicherung sind in diesem Land gar nicht erst abzuschließen – sie werden es im Ernstfall vor Gericht gegen dich verwenden! Es erzählte mir der Bestatter einen Fall, da habe ein Arbeiter unter einem Last-Kran stehend keinen Helm aufgehabt, die Lasten des Krans seien auf ihn niedergegangen, Ergebnis: kein Unfall sondern selbstverschuldet.]

Sie haben mich richtig verstanden. Ich bin nicht erstaunt oder erschrocken, ich darf erzürnt sein, auf wen? Hören Sie. Der lebende Vater war kaum tot, da lag schon die Rechnung für seine Beisetzung vor, alles aus einer Hand – all Inclusive – ganz wie bei der Mutter – das hat keine sechs Tage – da ist das Spiel kein Spiel mehr sondern vorbei.

Mein Vater ist ein halbes Jahr Tot. Noch immer kriegt er Post. Vom Finanzamt. Von der Kredit gebenden Bank. Vom Landschaftsvermesser. Von der Unfallversicherung.

Er bekam sogar Post vom Krankenhaus, in das er eingeliefert wurde, mit Bitte um Nachuntersuchung – da war er schon zehn Tage tot. Das eine Krankenhaus dem anderen nicht Bescheid gab.

Der Umgang mit den Toten in diesem Land – wer schreibt die Briefe? Wo sitzen die Verantwortlichen für diese Briefe? Welche Software wurde geschrieben? Wenn ich die Mahnung des Finanzsamts zur Steuererklärung eines Toten sehe – sie schreiben es gleich als MAHNUNG! – aus Respekt vor dem Toten, denn der reagiert bekannlich nicht mehr – mit hässlicher und hochformatiger Aufdringlichkeit – ausgespuckt von Maschinen – frage ich mich nach dem Lebenswert in dieser Gesellschaft – nicht vor dem Hintergrund, dass der Staat sein Geld kriegen soll (das sind in diesem Fall wahrscheinlich knapp 50 Euro oder weniger – er hat schon monatlich gezahlt, als er noch lebte), sondern vor dem Hintergrund, WAS GIBT MIR DER STAAT FÜR MEIN GELD? Antwort: Briefe an einen Toten.

[Selbst der Vermesser stellte dem Toten vor kurzem einen Brief zu – er habe Korrekturen an der Grenzmarkierung des Grundstücks des Toten vorgenommen. Ein Grundstück, das längst seinen Besitzer gewechselt hat.]

Phantomschmerzen

IMG_01482

Leopold hätte den Satz Ich bin kein Betrüger am Morgen des 01.03. auf dem Marktplatz Höhe Genter Straße beinahe laut ausgerufen. Stattdessen kehrte er auf sein Zimmer zurück und setzte sich an den Tisch, dort kreisten seine Gedanken um die Worte Schuldenberg, verpasste Chancen und Messer, Gift, Hochhaus, der Sprung. Statt einen großen Satz zu wagen, schaue ich zum Fenster hinaus. Weil ich mir das Wort Freitod so wenig vorstellen kann wie das Wort Todesschlaf. Er nahm einen Stift, und schrieb die Worte WISSENSCHAFT GELD und HILFE auf einen Zettel. Schließlich erhob er sich und ging auf die Straße hinaus, zurück zum Marktplatz höhe Genter Straße.

 

Deutsche Leitkultur – Was ist das?

teutsche leitkultur7

Wenn ich bei der Zeitungsverkäuferin nachbohre, so kommt der Slogan, das Asylrecht muss angewendet werden – rufe ich dazwischen, es wird doch schon angewendet, sagt sie: Aber nicht schnell genug. Sage ich: Meinen Sie nicht, dass Sie thematisch reingelegt werden, es geht doch gar nicht ums Asylrecht, das ist nur äußerer Anstrich. Ja, sagt sie, es geht um den Islam. Nein, sage ich, es geht auch nicht um den Islam, es geht um die Unzufriedenheit unserer Leute, sage ich. Ja, sagt Sie, da haben Sie recht, meine Rente zum Beispiel, sagt sie, reicht hinten und vorne nicht, deswegen stehe ich hier im Kiosk, ein paar Groschen verdienen, sagt sie. Genau denke ich, eine allgemeine Unzufriedenheit, denke ich, mit Staat, Gesellschaft und mit all dem Gespuke, von dem man keine Ahnung mehr hat – und sage: Sehen Sie, Sie wollen in einem anderen Land leben, als Sie jetzt leben. Richtig, sagt sie. Ich will meine Heimat zurück. Aber welche Heimat ist das, frage ich. Nun, die Heimat meiner Eltern, meiner Großeltern. Wie das, frage ich, schauen Sie mich an. Meine Urgroßeltern mütterlicherseits kommen aus Böhmen, die väterlicherseits aus Polen. Und nur die wenigsten kommen aus Hamburg. Und ich bin jetzt hier in Berlin, obwohl mich mein Weg weit über die Grenzen Europas gebracht hat. Oh Gott ja, sagt sie, meine kommen aus Königsberg und aus Schlesien. Und mein Mann kommt aus Saarbrücken. Sackgasse. So kommen wir nicht weiter.

teutsche leitkultur1

Sehen Sie. Aber unzufrieden sind Sie. Unzufrieden bin ich. Sie mit dem Land, ich mit Ihnen. Wieso Sie denn jetzt mit mir? Weil Sie sich vor einen Karren spannen lassen, den Sie nicht kennen. Sie wollen mir doch nicht unterstellen, dass ich nicht weiß, was ich will, ruft sie. Nein, das will ich nicht. Aber Sie tun es doch gerade. Nun, sage ich. Ich kann Ihnen nur so viel verraten: Ich weiß nicht, was Pegida will. Denn alles, was sie wollen, ist längst politisch in Arbeit. Mehr Polizei wollen die, sagt sie. Ja, sollen sie kriegen, wenn ich das richtig sehe, aber wissen Sie, was das bedeutet? Das bedeutet vor allem mehr Geld. Auch das. Aber es bedeutet noch nicht, dass wir wirklich sicherer werden. Hören Sie, ruft sie, was wollen Sie überhaupt von mir. Nun, sage ich. Ich war nicht immer Deutscher, sage ich, und was mich an diesen Zeiten so maßlos ärgert: Ich will wieder auswandern. Ich will schon wieder nicht deutsch sein. Bitte erklären Sie mir das Wort Deutsche Leitkultur, bitte, was ist das? – ja und erklären Sie mir das Wort Europäischer Patriot. Und erklären Sie mir das Wort Abendland. Erklären Sie mir das Wort Meinungsfreiheit. Erklären Sie mir, warum der Islam dafür hergenommen wird, wenn im Christentum keiner zur Kirche geht. Wollen die Christen etwa behaupten, dass sie ihren Glauben längst aufgegeben haben, um in dieser Gesellschaft existieren zu können und erwarten jetzt von Moslems, dass sie ebenfalls ihren Glauben unter die Erde bringen, eh sie auf die Straße treten.

Was halten Sie vom Burka-Verbot, ruft sie. Finde ich richtig, sage ich. Was halten Sie von Männern, die sich vier Frauen halten. Kennen Sie einen, frage ich? Nicht direkt, aber ich kann Ihnen von meinem letzten Marokko-Besuch erzählen, sagt sie. Sie waren in Marokko? Ja, vor vier Jahren. Bei Ihrer Rente? Frage ich. Das haben wir in einem Preisausschreiben gewonnen, sagt sie. Und? Frage ich. Was und? Fragt sie. Was haben Sie in Marokko gemacht, frage ich. Die reinste Verarschung, sagt sie. Was für eine Verarschung? Nun gewonnen haben wir die Reise, das waren Hotel und Flug, aber ständig mussten wir bezahlen. Ausflug nach Casablanca extra. Ausflug nach Marrakesch extra. Alles extra. Das war nicht All-Inklusive? Nein, ich bitte Sie. Alles eine einzige Verarschung. Und dafür ist natürlich Marokko schuld? Nicht direkt, aber doch irgendwie. Wie hieß denn der Veranstalter? Weiß ich nicht mehr. Sackgasse. So kommen wir auch nicht weiter.

Jedenfalls habe sie später im Internet gelesen, dass Männer ein ganzes Harem haben. Ein ganzes oder ein halbes? Ja, ein dreiviertel Harem. Lauter halbseidene Frauen, unsichtbar gemacht – ich habe in Marokko nur schwarze Tücher auf weißen Dächern gesehen, sagt sie. Haha, sage ich, ein Paradies, für so Männer wie mich, nicht wahr? Nein, eine einzige Katastrophe, sagt sie, eine einzige Verarschung. Aber das hat doch nichts mit Dresden zu tun, sage ich. Doch, doch, sagt sie. Aber ich habe doch eben festgestellt, dass Sie zu wenig Rente kriegen, und deswegen unzufrieden sind. Ja, auch. Wissen Sie, was ich glaube? Bitte. Nun, das Ganze soll Chaos nach Deutschland bringen. Hier sollen Keile getrieben werden in die Gesellschaft. Man will dieses Land auseinanderreißen. Man will, man will, man will, jetzt kommen Sie mir wieder mit den Russen. Nein, sage ich. Die kommen später. Und stopp.

teutsche leitkultur2

 

Hier wollen weder sie noch ich weiter. Wäre ja noch schöner, wenn wir wieder von Agentenblabla und James Bond und Putin Obama Breschnjew und Kennedy anfangen, die Brzezinski-Linie, und das alles, weil wir einen afrikanisch-stämmigen Präsidenten haben, und einen Putin mit direktem Kanal in die russisch orthodoxe Seele – ach was, schon klar. Das Religiöse ist uns allen nicht geheuer. Wir gehen jetzt beide unserer Wege. Aber bitte tun Sie mir einen Gefallen: Denken Sie über das Wort Gastfreundschaft nach. Sagt Sie: Erst kommt das Fressen, dann die Moral. Frau, sage ich, grüßen Sie mir Ihren Kühlschrank, Sie wollen doch nicht wirklich sagen, dass Sie nichts haben. Nein, ich komme gerade so eben über die Runden. Ja, reicht das denn nicht? Nein, das ist mir zu wenig, denn alle rennen nach dem Glück, und das Glück rennt hinterher. Ich sehe, Sie kennen sich mit Brecht aus. Nicht wirklich, aber inzwischen wieder mehr.

Ja und? Was und? Nun, das sind doch moralistische Keulen und propagandistische Tricks. Denn die Wahrheit lässt sich nur mit List verbreiten – so Brecht. Sie glauben also an Unterwanderung? Ich weiß nicht, für so eine Behauptung ist es zu früh. Aber schauen Sie bitte auf die Programmatik. Der 19 Punkte Plan der Pegida scheint doch konsensfähig – abgesehen davon, dass das nichtmal Punkte sind, die innerhalb der Gesellschaft nicht längst diskutiert werden. Aber gestern nun haben sie sich auch in Leipzig gezeigt. Und dort wird unverhohlen skandiert: Lügenpresse, gegen Überfremdung und Deutschland Deutschland. Sogar die GEZ soll abgeschafft werden.

Das ist hier vor allem wohl eine Unzufriedenheit mit der sogenannten Presseelite des Landes. Man fühlt sich bevormundet. Man will mit denen nicht reden. Man hat kein Sprachrohr, also schafft man sich eins – man geht auf die Straße – das ist erstmal ein normaler Vorgang und wir von der sogenannten Freidenker-Elite müssen uns gefallen lassen, dass es Themen gibt, die wir ausgegrenzt haben, und die uns nicht schmecken. Es passt nicht ins Bild einer Integrationslogik, wenn Ausgrenzung thematisiert wird. Es fühlen sich Deutsche im eigenen Land ausgegrenzt, das muss man erstmal zur Kenntnis nehmen.

Ja, aber. Das lässt sich instrumentalisieren. Oh ja. Das lässt sich sogar bis in den inneren Kern der Gesellschaft treiben. Das Wort Wutbürger ging vor Monaten um. Das Wort Lügenpresse wird hoffähig, auch wenn es soeben zum Unwort des Jahres gekürt wurde. Lasst Russland in Ruhe, konnte ich lesen. Glauben Sie etwa, da spielen keine Kollaborateure mit? Von russischer oder von amerikanischer Seite? Was spielt das für eine Rolle? Nun, das gäbe dem einen großen Duft.

Ach was. Das ist vollkommen halbseiden. Problem der Deutschen ist das ihrer Identität. Da heißt es tatsächlich: „Beendigung des Kriegsschuldkultes und der Generationenhaftung.“ Merken Sie es? Das Themenfeld wird ausgeweitet. Pö-a-pö. Am Ende werden Sie sehen: Es geht tatsächlich in keinster Weise um den Islam – das ist nur hoffähig gewordene Sprachregelung. Wer sich selbst nicht kennt, zeigt mit dem Finger auf andere. Die Frage nach Verantwortung und Selbstverortung wird ausgelagert. Es sind immer die anderen, die es mir, dem Deutschen, so schwer machen, mich zu behaupten, mich zu finden, mich zu orientieren. Wir haben nichts Eigenes. Uns fehlt Identität. So könnte man glauben.

 

teutsche leitkultur4

 

Aber was da Identität sein soll, ist nicht erklärt. Sicher ist es einfacher, wenn man etwas geschaffen hat von Wert, man seinen Glauben daraus bezieht. Und sicher wäre der Deutsche gern stolz auf seinen Joh. Seb. Bach, auf seinen Beethoven, seinen Joh. Brahms, seinen Goethe, seinen Thomas Mann. Haha. Seinen Konrad Suse. Seine Erfindung des Kondoms. Seine Handfertigkeit beim Tellerbemalen. Seine BASF und BAYER AG. Seine Brat- und Currywurst. Seine saure Gewürzgurke. Sein Auto. Seinen FC Bayern München. Pech für Deutschland, dass Dynamo Dresden kein großer Verein ist. Pech für Leipzig, dass Amazon überall seine Blechkisten hinstellt. Pech für München, das Microsoft eine amerikanische Firma ist. Pech für Opel, dass GM es unter seinen Fittichen hatte. Pech für Onkel Emil, dass nichtmal Briefmarken sammeln lohnt. Pech für Lederschuhe, Hemden und Kleider, dass sie in China produziert werden – Pechmarie für alle, die noch immer glauben, dass das irgendwas mit genetischem Code zu tun hat. Pech vor allem für die, die glauben, dass sie es besser könnten, wenn sie nur dürften.

Da schreit es am globalisierten Himmel nach weißgrauen und dumpfichten Wölkchen – Hilfe, wer bin ich? Hilfe, Welt. Hallo. Ich sitze in Dresden und trinke Starbucks-Kaffee, das kann doch nicht wahr sein. Hilfe Welt, der Gorgonzola war noch nie deutsch, kommt aber aus der Tiefkühltruhe. Hilfe Welt, mein Bosch ist im Eimer. Hilfe Welt, Obi verkauft noch mehr Waren aus China. Hilfe Welt, das Bauhaus ist ein Baumarkt und keine deutsche Architekturschule. Hilfe Welt – es ist zum Heulen mit dem Empfinden von Welt, die ich nicht mehr beherrsche. Ich könnte wie einst Büchners Lenz auf dem Kopf stehend durch den Wald gehen. Ich könnte herumfliegen wie Goethe mit seinem Wetter. Hilfe deutsche Leitkultur, was ist das? Hilfe, SOS, Putin hilf uns – konnte ich lesen. Dieses Deutschland braucht einen Therapeuten, denkt man, und weit und breit keiner zu sehen – also richtet es sich selbst. Spielt mit den Worten der so herbeigesehnten Einheitskultur – die wieder die der anderen ist: Lügenpresse, Deutschland und Landesverräter. Wenn man das so liest, könnte man glauben, Deutschland sei ernsthaft erkrankt.

Deutschland, oh Deutschland – da muss man nur rothaarig sein, klein und hilflos. Man springt vor Fassungslosigkeit im Dreieck und verliert noch seine Haltung. Man ruft nach Alternativen.

teutsche leitkultur5Wo doch mein Englischlehrer immer sagte, zu Alternative gibt es keinen Plural. Machen wir trotzdem den Plural: Wo ist denn die Alternative? Diese Demokratie will der Deutsche nicht mehr. Welche aber? Weiß er nicht. Da ist im Deutschen so etwas wie Übersinnlichkeit und Emphase für etwas Großes, Unbekanntes, es steht das System auf dem Spiel? Es muss etwas über mir sein? Nein. Ich habe die Forderungen der Pegida noch immer nicht verstanden. Sie leuchtet mir nicht ein. Sie kennt keine Richtung. Sie will etwas, wovon sie selbst nicht weiß, was es ist. Gott etwa?

Bleibt schließlich die Frage mit bleischwerem Gewissen: Was willst du? Was will ich? Unabhängig ob ich deutsch bin, russisch, polnisch, europäisch oder amerikanisch: Unzufriedenheit lässt sich instrumentalisieren, lieber geht man gleich durch die Decke, oder schweigt trotzig. Unzufriedenheit lässt sich politisieren, aber Unzufriedenheit ist längst Politik und verbreitet Unwohlsein und Angst. Zufriedenheit allerdings lässt sich erst herstellen, wenn alle gleich sind – vor dem Gesetz ist es ja so!?

Leute, macht Sport: auch den frustrierten über 50 Jährigen möchte man zurufen: Besorgt euch ein Gegenmittel zu Eurer Depression nicht im Leitbild Eurer kaputten Kultur – deren Teil Ihr seid, sondern zum Aufbau innerer Lebensfreude, die erst dann ansteckend sein kann, wenn Ihr selbst an sie glaubt. Aber wenn man diesen Leuten mit Lebensfreude kommt, ist Kraft durch Freude nicht weit – ich weiß nicht. Sie reden ja nicht. Sie schweigen. Können oder wollen sie nicht sprechen? Sie haben wohl Angst, dass man ihnen die Worte im Mund umdreht. Diese Angst ist berechtigt.

 

 

teutsche leitkultur7

Zur deutschsprachigen Kultur drei Lesetipps: Johann Wolfgang Goethe: Die Leiden des jungen Werther. Und Joseph Roth: Leviathan. Und Georg Büchner: Lenz. Sie werden sehen: Zwischen deutschem Wahn und deutschem Genie passt manchmal kein Streichholz mehr – die Wahrheit liegt dann auch nicht mehr in der Mitte. Sie ist einfach eine andere.