Der Umgang mit Toten in diesem Land

Habe neulich aufgeschnappt, dass man die innere Verfassung eines Landes am Umgang mit seinen Toten ablesen kann. Abgesehen davon, dass das ein Pauschalurteil ist, muss ich erkennen: Der Tod eines jeden Einzelnen von uns in diesem Land wird perfektioniert bis in die letzte Weihe hinein, es entgeht dem Staat nichts, denkt man.

Mein Vater ist ein halbes Jahr tot. Noch immer kriegt er Post.

Gestern erst von der Kredit gebenden Bank – sie bedankt sich dafür, dass der Tote ihnen das Geld zurück gegeben hat, das er ihnen als Lebender noch schuldete.

Das Finanzamt schrieb an den Toten: Es erwarte eine Steuerklärung aus dem Jahr 2014. Für das Jahr 2015 wird der Tote kommendes Jahr mochmals aufgefordert werden.

Der lebende Vater hat ca. 2000 Euro über dem Freibetrag eingenommen, der tote Vater soll eine Steuererklärung dafür abgeben. Wenn ich dagegen halte, dass seine Beisetzung mehr als 3000 Euro kostete, heißt es erstens, das könne man erst 2015 geltend machen, und dann auch nur auf die eigene Steuer im nicht vorhandenen Vermögensfall des Toten – heißt hochdeutsch: vergessen Sie das. Der Tote hat zuviel Positiva überlassen – das kann nicht auf sich ruhen – das muss ebenfalls geklärt werden.

Erklären Sie mir dieses Land. Wer ist dieses Land. Ich etwa?

Passen Sie auf. Vor dem Gesetz sind alle gleich, das gilt auch für Tote. Ein Lebender, der sich davon macht, muss als Toter dafür zahlen, nein gerade stehen.

Zum Umgang mit den Toten [ein Zustand der sich offenbar für ein Amt oder eine Versicherung oder eine Bank kaum unterscheidet von dem eines Lebenden] sollte man ein kleines Heft schreiben – das der Stilblüte des Lebens im Land der Toten – die Beisetzung ebenso makaber wie der Sterbevorgang selbst. Im Sterben liegend oder im Koma musste der noch lebende Vater durch drei Krankenhäuser geschoben werden. Da es sich in seinem Fall um einen Arbeitsunfall handelte – so behauptete es die Polizei, sein Arbeitskollege, sein Hausarzt, das ihn aufnehmende Krankenhaus, musste die Berufsgenossenschaft das Gegenteil behaupten, und ihn deswegen obduzieren – dazu wurde den Angehörigen ein Papier untergelegt, dass sie als Einwilligung unterschreiben sollten, das diente schließlich der besseren Rechtsfindung im eigenen Anspruchsfall, vor der Versicherung oder der Berufsgenossenschaft. Ergebnis für die Berufsgenossenschaft: der Arbeitsunfall wurde bestätigt. Ergebnis für die Unfallversicherung: kein Arbeitsunfall, sondern vermutlich ein Schwächeanfall mit anschließendem Sturz von der Leiter, er sei vorwärts die Leiter runter und sei lautlos aufgeschlagen – Aussage gegen Aussage – nun soll ich um die Prämie kämpfen – [ein anderes Beispiel: Berufsunfähigkeits- und Unfallversicherung sind in diesem Land gar nicht erst abzuschließen – sie werden es im Ernstfall vor Gericht gegen dich verwenden! Es erzählte mir der Bestatter einen Fall, da habe ein Arbeiter unter einem Last-Kran stehend keinen Helm aufgehabt, die Lasten des Krans seien auf ihn niedergegangen, Ergebnis: kein Unfall sondern selbstverschuldet.]

Sie haben mich richtig verstanden. Ich bin nicht erstaunt oder erschrocken, ich darf erzürnt sein, auf wen? Hören Sie. Der lebende Vater war kaum tot, da lag schon die Rechnung für seine Beisetzung vor, alles aus einer Hand – all Inclusive – ganz wie bei der Mutter – das hat keine sechs Tage – da ist das Spiel kein Spiel mehr sondern vorbei.

Mein Vater ist ein halbes Jahr Tot. Noch immer kriegt er Post. Vom Finanzamt. Von der Kredit gebenden Bank. Vom Landschaftsvermesser. Von der Unfallversicherung.

Er bekam sogar Post vom Krankenhaus, in das er eingeliefert wurde, mit Bitte um Nachuntersuchung – da war er schon zehn Tage tot. Das eine Krankenhaus dem anderen nicht Bescheid gab.

Der Umgang mit den Toten in diesem Land – wer schreibt die Briefe? Wo sitzen die Verantwortlichen für diese Briefe? Welche Software wurde geschrieben? Wenn ich die Mahnung des Finanzsamts zur Steuererklärung eines Toten sehe – sie schreiben es gleich als MAHNUNG! – aus Respekt vor dem Toten, denn der reagiert bekannlich nicht mehr – mit hässlicher und hochformatiger Aufdringlichkeit – ausgespuckt von Maschinen – frage ich mich nach dem Lebenswert in dieser Gesellschaft – nicht vor dem Hintergrund, dass der Staat sein Geld kriegen soll (das sind in diesem Fall wahrscheinlich knapp 50 Euro oder weniger – er hat schon monatlich gezahlt, als er noch lebte), sondern vor dem Hintergrund, WAS GIBT MIR DER STAAT FÜR MEIN GELD? Antwort: Briefe an einen Toten.

[Selbst der Vermesser stellte dem Toten vor kurzem einen Brief zu – er habe Korrekturen an der Grenzmarkierung des Grundstücks des Toten vorgenommen. Ein Grundstück, das längst seinen Besitzer gewechselt hat.]