Nach der Wahl ist vor der Wahl

Die Herausforderung an die Sprachwissenschaftler und -tüftler steht: Sich nicht mehr erheben über Trash, Kutte, Dreck und Trump, sondern ernstnehmen und akzeptieren. Die Fenster der Elfenbeintürme öffnen sich und draußen steht die Angst. Wie der Hysterie begegnen? Sind Schönsprech und gewaltfreie Sprache noch adäquates Gegengift? Moderieren, Ausharren und warten, bis der Arzt kommt – reicht das?

An diesem Wahlkampf konnte ich zwei Sprachansätze erkennen: Hier die freie Schnauze. Dort der gehobene Ton. Der gehobene Ton ist soeben entlarvt worden als die Stimme einer Oberschicht, des Establishments, der Arroganz und Überheblichkeit.

Die Wirklichkeit dagegen ist für niemanden einfach. Die westliche Welt steckt unleugbar in einer tiefen Krise. Anything goes und Shit Happens sind nicht einfach nur Gossenhauer … sie sind Leitbild unserer Kultur. Diese Verantwortungslosigkeit zieht einen Präsidenten Trump nach sich, der, im Wortsinn des Teppichs, nichts anderes unternommen hat, als ständig auf ihn drauf zu klopfen und dabei wurde so viel Staub aufgewirbelt, dass es zwangsläufig kein Weiterso mehr geben kann.

Es wurde ein Sprachsystem in Frage gestellt. Das der vorgehaltenen Hand, das der Verhandlungen in Hinterzimmern, das der Schönfärberei, es wurde einmal mehr sogar Statistik und Demoskopie ad absurdum geführt. Die Systeme funktionieren eben nicht. Die gesamte Datenerfassung steht im Sumpf. Das Wahlergebnis ist ein Aufschrei nach Liebe. Nach Rettung verlorener Heimat. Nach Verortung. Nach Inhalt. Das kann leugnen wer will, aber das ist eben auch der Nährboden unserer Zeit. Das Blindwütige, die permanente Optimierung, die Sucht nach Perfektion, hat das System und seine Teilnehmer verwundbar gemacht. Daraus erfolgt der Ruf und Wunsch nach Klarheit, Transparenz und ja: die Sicht auf das Fehlerhafte jedes Einzelnen.

Trump steht da wie ein Bekenntnis des Unvollständigen, des Kaputten, des Ergebnisses unserer Kultur, mit dem sich offenbar viele identifizieren. Das Kaputte Amerika hat sich Luft verschafft. Niemand will mehr flitzende Kugeln sehen oder Livecharts der Börse, das Erfolgssyndrom der Kapitalen Welt ist nur eine Versuchsanordnung und erodiert mehr als nur die Börse. Es ist dies vor allem ein Votum für und gegen das Kaputte. Die Bilder. Die Filme. Die Prügeleien, der Schmutz, die Differenzen, nichts lässt sich besser pushen als die Angst vor dieser Prügelei, dem Schmutz. Ein fast schon fatalistischer Infarkt. Ein Selbstmord auf Raten auferstehend aus Ruinenbildern. Ein tiefseelischer Anspruch nach der heilen Welt. Die Differenzen schmerzen, die Unterschiede sind nicht auszuhalten, die Identitäten verloren. Aus dieser Ursuppe lässt sich wundervolle Nazisuppe mit vielen Nazinudeln darin köcheln. Das macht ein Populist einfach besser als ein schön sprechendes High-Society Mitglied.

Es wurde eine Dekade abgewählt. Die Neureichen und Schönen der Demokraten haben Platz zu machen für die Altreichen und Schönen der Republikaner, denn die haben das Land aufgebaut, sie wollen nicht länger mit denen in einen Topf geworfen werden, die nichts haben.

Die Machtverhältnisse wollen wieder etabliert sein in Form von die Diedaoben reich und schön, die da unten dumm dick und arm. Es ist hier nichts anderes passiert, als die Trennlinien wieder sichtbar machen. Wieso soll sich ein Land regieren lassen von denen, die sich um Gleichberechtigung sorgen? Dass allein ist vielen zuwider und für sie nicht nachvollziehbar. Dann lieber ehrlich und klar: Das Establishment ist reich schön und vermögend und führt das Land. Alle anderen verdrücken sich in die Holzklasse. So sieht Reinheit aus. Klare Linie. Danke, Trump, dass wir wieder klarer sehen. Die Armen und Dicken und Dummen sollen sein, was ihnen zusteht: Opposition.

Da weiß man was man hat. Nichts. Nichtmal mehr die Macht. So dumm ist Volk. Sägt am Ast, auf dem es sitzt. Macht nix. Denn bald sehen wir ein bisschen noch klarer: Der Dumme, Dicke Arme bleibt dumm dick und arm. Zurück ins neunzehnte Jahrhundert. Besser zu wissen worunter man leidet als nur zu ahnen, worunter man noch so leiden könnte. Warum partizipieren, wenn doch Partizipation nur scheinbar gelingt. Dann besser nicht partizipieren und klarhaben, wem man es zu verdanken hat.

Trump will ein neues Infrastrukturprogramm … Autobahn- und Straßenbau, und wer macht das für welches Geld? Der selbstverschuldete Sklave hat sich einen neuen Job gewählt. Trump hat angekündigt Strafzölle auf Firmen zu verhängen, die im Ausland produzieren. Das ist mal gerecht. Das eigene Volk soll schrauben, hämmern, zusammennieten, was es fährt. Das Volk wählt, was es verdient: seinen neuen Arbeitsvertrag ohne Recht und ohne Vorsorgeverpflichtung, wenn schon arm, dann richtig. Das Versprechen steht: Für jeden Wähler seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit gibt es Stars and Stripes als Bettwäsche, als Wandteppich als Fußmatte. Und abundan eine Liveübertragung vom Dinner im Weißen Haus. Einer von uns isst Truthahn und Pommes.

Hoffen wir nur, dass Der Präsident Trump ein anderer ist als der Wahlkämpfer Trump. Hoffen wir, dass er bald versteht, dass es einen Unterschied macht zu repräsentieren und nicht zu polarisieren.

Gleichzeitig hat das Lager um das Immerweiterso endlich Zeit, sich zu justieren. Dass Trump nun in die Rolle des Immerweiterso gedrängt und gewählt wurde, wird ihm Schwierigkeiten bereiten, er hat auch noch die Mehrheit im Kongress.

Die Krise der westlichen Welt wird also vorerst nicht aufzuhalten sein, sie wird die Gegensätze und Ungleichgewichte wahrscheinlich noch verstärken. Das aber könnte am längeren Ende bedeuten: wenn die, die heute abgewählt wurden und verloren haben, sich neu aufstellen und konsolidieren, wird sich die Vaterstaatrolle unter Trump zwangsläufig in einen Mutter der Nation Ruf verwandeln. Schreiten wir (wer wir? – ich doch nicht?=!) also erstmal, getrennt durch Lager, den mageren Jahren entgegen, bis Ottonormalverdienersklave einsieht, dass sein Hirn nicht vergessen kann: Da hat doch jemand mal versprochen, dass es besser wird … und was passiert? Die alten/neuen Reichen fahren jetzt noch besser und schneller über die von uns errichteten Autobahnen und Straßen – und schon wieder hängt eine Subprimekrise über dem Land, und wieder muss man diese Krise exportieren, wohin diesmal?

Wir (wer wir? Ich etwa?=!) brauchen uns also nicht an Trump abarbeiten, der hat mit sich selbst genug zu tun, jetzt nämlich steht seine Glaubwürdigkeit zur Position. Die Drecksarbeit darf er jetzt machen! Und das ist gut so. Denn alle anderen können ihn nun beobachten beim Suhlen und Baden und Verdrecken im Schlamm, den er rührt, denn der Gegner ist aus- wie umgefallen. Endlich darf nun auch links vom Mississippi wieder gesagt werden, was man denkt. Der Freisprech, den sich die Rechten derzeit erlauben und ungezügelt anwenden, darf dann wieder von denen gesprochen werden, die sich für alles und jeden rechtfertigen mussten in den letzten Jahren.

Es wird also die Trennung zwischen Schönsprech und Dreckston wieder aufgemischt werden zugunsten einer Alles-ist-erlaubt-Sprache, die Tabus auf der linken Herzkammer sich nicht mehr zurückhalten müssen, die innere Migration beendet werden darf, denn endlich regieren wieder echte Flaschen.

So gesehen kann man auch mal ausatmen, denn das Scheitern ist nun bei den anderen. Wir werden sehen. Angst haben muss man um unsere Breiten. Denn das Komplexe wird uns auch hier schon zum Verhängnis. Überlassen wir es denen, die da rumschreien, sie bekämen es schon hin? Sollen sie mal machen? Besserwisser an die Macht? Denn dort geht eh nichts mehr? Oh Mutti, oh Mutti. Hörst du die Signale? Oder ist das Komplexe auch nur Importware aus deren Hegemonie / und nun wird alles klarer?

Herr Trump. Eine Bitte habe ich schon jetzt. Schaffen Sie bitte die Spam aus meinem Postkasten. Bitte. Seit Jahren lasst ihr das einfach schleifen. Ich wäre Ihnen sehr verbunden. Ergebenst Ihr Nichtwähler.